TIGER ist im NLP die Merkhilfe für die fünf Bedingungen, unter denen ein Anker zuverlässig funktioniert: Timing, Intensität, Genauigkeit, Einzigartigkeit und Reinheit. Sind alle fünf erfüllt, ist der Anker später abrufbar. Fällt eines weg, wirkt er schwach oder gar nicht.
Fast alle Anker, die im Coaching nicht funktionieren, scheitern an genau einem dieser fünf Punkte. Deshalb lohnt es sich, sie einzeln zu kennen statt nur das Akronym.
Die TIGER-Kriterien im Überblick
| Kriterium | Was gemeint ist | Typischer Fehler |
|---|---|---|
| Timing | Den Anker setzen, während das Gefühl noch ansteigt, und ihn über den Höhepunkt halten (etwa 2 bis 5 Sekunden) | Erst ankern, wenn der Zustand schon abklingt |
| Intensität | Der Zustand ist kräftig und wird assoziiert erlebt, mit allen Sinnen nach VAKOG | Ein blass erinnerter Zustand aus der Beobachterperspektive |
| Genauigkeit | Der Reiz ist exakt reproduzierbar: dieselbe Stelle, derselbe Druck, dieselbe Dauer | Beim Abrufen eine andere Stelle oder Stärke treffen |
| Einzigartigkeit | Der Reiz kommt im Alltag sonst nicht vor und ist nicht schon belegt | Händeschütteln oder Schulterklopfen als Ankerreiz wählen |
| Reinheit | Nur der gewünschte Zustand wird geankert, nicht der Suchprozess davor | Zu früh ankern, während noch gesucht und gegrübelt wird |
Was bedeuten die TIGER-Kriterien im Einzelnen?
Timing: wann der Anker gesetzt wird
Der Anker wird gesetzt, während das Gefühl noch ansteigt, und über den Höhepunkt hinweg gehalten, bis die Intensität nachlässt. In der Praxis sind das ungefähr zwei bis fünf Sekunden. Zwei Angaben werden dabei oft verwechselt: der Startpunkt (kurz vor dem Maximum) und die Haltedauer (die Zeitspanne, in der der Reiz anliegt).
Woran du den Höhepunkt erkennst, ist Beobachtungssache: Atmung, Hautfarbe, Muskeltonus, ein Zucken um die Mundwinkel. Das Kalibrieren ist deshalb die eigentliche Voraussetzung für gutes Timing. Wer nicht sicher ist, kann fragen: „Sag Bescheid, wenn es am stärksten ist.“ Das kostet etwas Tiefe, ist aber besser als danebenzuliegen.
Intensität: wie stark der Zustand ist
Geankert wird nur ein Zustand, der wirklich da ist. Dazu wird eine Erinnerung assoziiert erlebt, also aus der eigenen Perspektive mit eigenen Augen, statt sich selbst von außen zuzusehen. Aus der Dissoziation heraus lässt sich kaum ein starkes Gefühl aufbauen.
Hilfreich ist, den Ressource-State über mehrere Sinneskanäle aufzubauen: Was siehst du, was hörst du, wo im Körper spürst du es, wie fühlt es sich genau an. Reicht ein einzelner Zustand nicht, lassen sich mehrere über Stacking Anchors auf derselben Stelle stapeln.
Genauigkeit: wie exakt der Reiz wiederholbar ist
Ein Anker wirkt nur, wenn er beim Abrufen genauso ausgelöst wird wie beim Setzen. Bei einem körperlichen Anker heißt das: dieselbe Stelle, derselbe Druck, dieselbe Dauer. Ein Fingerdruck auf den Handrücken ist genauer reproduzierbar als eine vage Berührung am Oberarm.
Dasselbe gilt für Reize in anderen Sinneskanälen. Ein Wort muss in derselben Tonlage gesprochen werden, ein Bild dieselben Merkmale zeigen. Je genauer der Reiz, desto verlässlicher die Reaktion.
Einzigartigkeit: warum der Reiz ungewöhnlich sein muss
Ein Reiz, der im Alltag ständig vorkommt, ist bereits mit Hunderten von Situationen verknüpft. Händeschütteln taugt deshalb schlecht als Ankerreiz, ein ungewöhnlicher Druckpunkt am mittleren Fingerglied dagegen gut. Auch bereits belegte Stellen sind ungeeignet, sonst überlagern sich zwei Zustände.
Der Hintergrund ist Lernpsychologie: Nur ein Reiz, der klar mit einem Zustand zusammenfällt, wird eindeutig damit verknüpft. Das Prinzip beschreibt die hebbsche Lernregel: Nervenzellen, die gemeinsam feuern, verschalten sich miteinander (Donald Hebb, 1949).
Reinheit: nur den Zustand ankern, nicht den Weg dorthin
Bevor ein Zustand da ist, läuft ein Suchprozess: nachdenken, verwerfen, sich erinnern. Dieser Prozess soll nicht mitgeankert werden, sonst ruft der Anker später das Suchen mit ab statt der Ressource. Der Reiz kommt deshalb erst, wenn der Zustand deutlich spürbar ansteigt.
Ebenso wenig gehören Mischzustände in einen Anker. „Stolz mit einem Rest Traurigkeit“ ergibt einen unklaren Anker, der beim Abrufen beides bringt.
Beispiel: einen Ressourceanker nach TIGER setzen
Angenommen, du willst einen Anker für Entschlossenheit setzen, den du vor schwierigen Gesprächen abrufen kannst.
- Reiz festlegen (Einzigartigkeit, Genauigkeit): Wähle eine Stelle, die du sonst nie berührst, etwa fester Daumendruck auf das mittlere Glied des linken Zeigefingers. Merk dir Stelle und Druckstärke.
- Erinnerung auswählen (Intensität): Such eine konkrete Situation, in der du wirklich entschlossen warst. Eine echte Erinnerung wirkt stärker als eine erdachte Szene.
- Zustand aufbauen (Intensität, Reinheit): Geh in die Situation hinein, mit eigenen Augen. Was siehst du, was hörst du, wie steht dein Körper. Warte, bis das Gefühl klar da ist und nicht mehr gesucht wird.
- Ankern (Timing): Sobald das Gefühl deutlich ansteigt, setz den Druck. Halte ihn über den Höhepunkt, etwa zwei bis fünf Sekunden, und löse ihn, während die Intensität nachlässt.
- Unterbrechen und prüfen: Denk kurz an etwas Neutrales, dann löse den Anker genauso aus und beobachte, was passiert. Wie das sauber geht, steht unter Test.
- In die Zukunft übertragen: Stell dir das nächste schwierige Gespräch vor und löse den Anker dabei aus. Dieser Schritt heißt im NLP Future Pace.
Woher kommen die TIGER-Kriterien?
TIGER ist eine deutschsprachige Merkhilfe aus der NLP-Ausbildungspraxis, kein Begriff aus der Originalliteratur. Inhaltlich fasst sie zusammen, was Richard Bandler und John Grinder in „Frogs into Princes“ (1979) zum Ankern beschreiben: Der Reiz muss im richtigen Moment kommen, der Zustand muss stark sein, und der Reiz muss wiederholbar und unverwechselbar sein.
Im englischsprachigen NLP finden sich dieselben Punkte unter anderen Namen, etwa als „four keys to anchoring“. Wer international liest, sollte sich also nicht wundern, wenn das Akronym dort nicht auftaucht. Der Sache nach ist es dasselbe.
Aus meiner Praxis: woran Anker meistens scheitern
In den Ausbildungen sehe ich fast immer denselben Ablauf. Zwei Teilnehmende üben, der Anker funktioniert im Raum, und eine Woche später kommt die Rückmeldung: „Zu Hause kam nichts.“ In neun von zehn Fällen liegt es nicht an der Technik, sondern an Genauigkeit und Einzigartigkeit.
Der Klassiker ist die Faust oder der Griff ans Handgelenk. Beides fühlt sich beim Setzen kraftvoll an und ist im Alltag ständig im Einsatz. Damit koppelt sich der Reiz an alles Mögliche und verliert seine Trennschärfe. Seit ich in Übungen darauf bestehe, dass der Ankerpunkt eine Stelle ist, die im Alltag praktisch nie berührt wird, halten die Anker deutlich länger.
Der zweite Punkt ist Ungeduld beim Timing. Viele setzen den Anker in dem Moment, in dem die andere Person zu erzählen beginnt, und da ist der Zustand noch im Aufbau. Ich lasse deshalb erst schweigen und beobachten, bis sich die Atmung verändert. Dieser eine Moment Geduld entscheidet oft, ob der Anker später trägt.
Wo TIGER nicht weiterhilft
TIGER beschreibt handwerkliche Bedingungen, nicht die Wirksamkeit der Methode. Ankern ist eine Anwendung klassischer Konditionierung, aber die Wirksamkeit von NLP-Ankertechniken ist nicht in kontrollierten Studien belegt. Ein sauber gesetzter Anker ist ein Werkzeug zur Selbststeuerung, kein Behandlungsverfahren.
Auch die beste Technik ersetzt keine passende Ressource. Wenn jemand keinen Zugang zu einem entschlossenen Zustand hat, lässt sich keiner ankern. Dann geht es zuerst darum, den Zustand überhaupt zugänglich zu machen. Bei Traumafolgen, Panik oder anhaltender Angst gehört diese Arbeit in therapeutische Begleitung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Häufige Fragen zu den TIGER-Kriterien
Wofür steht TIGER im NLP?
TIGER steht für Timing, Intensität, Genauigkeit, Einzigartigkeit und Reinheit. Diese fünf Kriterien beschreiben die Bedingungen, unter denen ein Anker im NLP zuverlässig funktioniert. Das Akronym ist eine deutschsprachige Merkhilfe und stammt nicht aus der englischen Originalliteratur.
Wie lange hält man einen Anker?
Ungefähr zwei bis fünf Sekunden. Der Reiz wird gesetzt, während das Gefühl noch ansteigt, über den Höhepunkt gehalten und wieder gelöst, sobald die Intensität nachlässt. Wichtiger als die genaue Sekundenzahl ist, dass der Reiz den Höhepunkt umschließt und nicht erst danach kommt.
Welcher Ankerpunkt ist geeignet?
Eine Stelle, die im Alltag praktisch nie berührt wird und noch nicht belegt ist, etwa ein bestimmtes Fingerglied oder ein Punkt am Handrücken. Ungeeignet sind Handschlag, Schulterklopfen oder die Faust, weil diese Reize schon mit zu vielen anderen Situationen verknüpft sind.
Warum funktioniert mein Anker nicht?
Meist scheitert einer der fünf Punkte. Die häufigsten Ursachen sind: zu spätes Timing (der Zustand klang schon ab), zu schwache Intensität (dissoziiert erinnert statt assoziiert erlebt), ungenaues Auslösen an einer leicht anderen Stelle oder ein Reiz, der im Alltag zu häufig vorkommt.
Gelten die TIGER-Kriterien für alle Ankerarten?
Ja, unabhängig vom Sinneskanal. Bei einem visuellen Anker bedeutet Genauigkeit, dass das Bild identisch bleibt, bei einem auditiven, dass Wort und Tonlage gleich sind, bei einem Raum-Anker, dass es derselbe Platz ist. Eine Übersicht über die Varianten findest du unter Ankertechniken.
Wie löse ich einen unerwünschten Anker wieder auf?
Im NLP wird dafür meist mit Collapsing Anchors gearbeitet: Ein belastender Anker wird mit einem deutlich stärkeren Ressourceanker gleichzeitig ausgelöst, sodass die alte Reaktion ihre Eindeutigkeit verliert. Geht der Anker auf ein belastendes Erlebnis zurück, gehört die Arbeit in therapeutische Begleitung.
Wo kann ich Ankern richtig lernen?
Ankern lebt vom Kalibrieren, und das lässt sich nur mit Rückmeldung üben. Einen praktischen Einstieg an einem Tag bietet der NLP Game Changer Day, systematisch behandelt wird das Thema in der NLP-Practitioner-Ausbildung. Alle weiteren Begriffe stehen in der NLP-Enzyklopädie.

