ressourcestate nlp

Wahrnehmungspositionen im NLP: die 4 Positionen

Wahrnehmungspositionen sind im NLP die verschiedenen Blickwinkel, aus denen sich ein und dieselbe Situation beschreiben lässt: aus dem eigenen Erleben (1. Position), aus der Sicht des Gegenübers (2. Position), aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters (3. Position) und aus der Perspektive des Gesamtsystems (4. Position). Jede Position macht Informationen zugänglich, die in den anderen nicht sichtbar sind. Der eigentliche Gewinn entsteht nicht in einer einzelnen Position, sondern im Vergleich zwischen ihnen.

Wahrnehmungspositionen ist der Oberbegriff für das Modell. Der bewusste Wechsel zwischen den Positionen heißt Positionswechsel und ist die eigentliche Technik. Die 3. Position trägt in der Literatur zwei Namen, Beobachterposition und neutraler Beobachter. Gemeint ist beide Male dasselbe.

Die Wahrnehmungspositionen auf einen Blick

PositionPerspektiveZustandWas sie liefert
1. Position (Ich)Mein eigenes Erleben, aus meinen AugenassoziiertEigene Gefühle, Bedürfnisse, Ziele, Grenzen
2. Position (Du)Die Sicht des Gegenübers, aus seinen Augenvom Selbst dissoziiert, mit dem Anderen assoziiertVermutete Absicht und Wirkung des eigenen Verhaltens
3. Position (Beobachter)Blick von außen auf beide BeteiligtedissoziiertDas Muster der Beziehung, Abstand, Öko-Check
4. Position (System)Das Ganze, in dem beide vorkommendissoziiertWirkung auf das Umfeld und auf lange Sicht. Zählung uneinheitlich
Die vier Wahrnehmungspositionen im NLP im Überblick

Was sind Wahrnehmungspositionen im NLP?

Wahrnehmungspositionen sind Beschreibungsstandpunkte, keine Orte und keine Persönlichkeitsanteile. Das Modell geht davon aus, dass jede Beschreibung einer Situation davon abhängt, von wo aus beschrieben wird. Wer nur aus der 1. Position erzählt, bekommt eine vollständige Geschichte über die eigenen Gefühle und eine sehr lückenhafte über alles andere.

In der 1. Position bist du in deinem Körper, siehst mit deinen Augen und sprichst von „ich“. In der 2. Position übernimmst du probeweise Haltung, Sprache und Anliegen deines Gegenübers und sprichst ebenfalls von „ich“, nur eben als er oder sie. In der 3. Position stehst du daneben und siehst beide von außen, dich selbst eingeschlossen. Deshalb sprichst du dort in der dritten Person über dich.

Diese sprachliche Regel ist kein Detail. Sie ist der zuverlässigste Test dafür, ob eine Position tatsächlich eingenommen wurde. Wer in der 2. Position sagt „er würde vermutlich denken, dass …“, steht noch in der 1. Position und rät.

Woher stammen die Wahrnehmungspositionen?

Eingeführt wurden sie von John Grinder und Judith DeLozier in „Turtles All The Way Down: Prerequisites to Personal Genius“ (1987). Dort beschreiben sie erste, zweite und dritte Position und nennen das Zusammenführen der drei Blickwinkel „triple description“.

Der gedankliche Vorläufer stammt von Gregory Bateson. Seine Idee der „double description“ besagt, dass zwei verschiedene Beschreibungen desselben Vorgangs zusammengenommen eine Information ergeben, die in keiner der beiden allein steckt. Das Bild dazu ist räumliches Sehen: Erst zwei leicht verschiedene Bilder erzeugen Tiefe.

Die 4. Position kam später dazu, vor allem über die Arbeiten von Robert Dilts, der auch das Format Meta-Mirror entwickelt hat. Genau an dieser vierten Position beginnt die Uneinigkeit.

Warum wird die vierte Position unterschiedlich gezählt?

Weil es keine einheitliche Definition gibt. Die 4. Position ist im Unterschied zu den ersten drei kein fester Bestandteil des ursprünglichen Modells, sondern eine spätere Ergänzung, und sie wird in mindestens drei verschiedenen Bedeutungen verwendet. Wer in einer Sitzung „vierte Position“ sagt, sollte deshalb dazusagen, welche gemeint ist.

LesartWas gemeint istWoher
Systemposition, „Wir“Die Perspektive des ganzen Systems, in dem beide Beteiligte vorkommen: Team, Familie, BeziehungVerbreitet in der Arbeit von Robert Dilts, die gebräuchlichste Lesart
Meta-Meta-PositionEin Standpunkt über der 3. Position, von dem aus du deine eigene Haltung als Beobachter betrachtestAblauf des Meta-Mirror, wo nach der Beobachterposition noch ein Schritt zurück erfolgt
Spirituelle GanzheitspositionDie Situation als Teil eines größeren Sinnzusammenhangs, teils als „das große Ganze“ oder Universum beschriebenSpätere Erweiterung in Teilen der deutschsprachigen Praxis, nicht bei Grinder und DeLozier
Drei verbreitete Lesarten der 4. Wahrnehmungsposition

Diese Uneinheitlichkeit ist kein Makel, den man verschweigen müsste. Sie erklärt aber, warum zwei NLP-Bücher bei derselben Zahl völlig Verschiedenes beschreiben. Für die Praxis ist die Systemlesart die brauchbarste, weil sie eine überprüfbare Frage stellt: Was macht diese Lösung mit allen anderen, die davon betroffen sind?

Wie hängen die verwandten Begriffe zusammen?

Vier Begriffe kreisen um dieselbe Sache und werden oft vermischt. Diese Zuordnung hält sie auseinander.

  • Wahrnehmungspositionen: der Oberbegriff, also das Modell mit allen Positionen.
  • Beobachterposition: der Name der 3. Position innerhalb dieses Modells.
  • Neutraler Beobachter: das gebräuchliche deutsche Synonym für dieselbe 3. Position, mit Betonung auf dem Anspruch der Unparteilichkeit.
  • Meta-Position: der weitere Begriff für jeden Standpunkt oberhalb des eigenen Erlebens. Bei zwischenmenschlichen Situationen fällt er mit der 3. Position zusammen, er lässt sich aber auch auf eigene Gedanken oder auf einen Coaching-Prozess anwenden.
  • Positionswechsel: die Technik, also der bewusste Wechsel zwischen den Positionen.

Aus meiner Praxis: die zweite Position wird meist nur gespielt

In meinen Ausbildungen sehe ich einen Fehler häufiger als alle anderen: Die Teilnehmerin stellt sich auf den Platz des Gegenübers und sagt dann Sätze wie „mein Chef sieht das wahrscheinlich so, dass ich zu langsam bin“. Das klingt nach 2. Position, ist aber eine Vermutung aus der 1. Position, ausgesprochen an einem anderen Ort im Raum. Der Erkenntnisgewinn liegt bei null.

Was den Unterschied macht, ist erstaunlich körperlich. Ich lasse zuerst die Haltung übernehmen: Wie sitzt der andere, wie atmet er, in welchem Tempo spricht er? Danach kommt der Wechsel in die Ich-Form und ins Präsens. Sobald jemand sagt „ich sitze hier und ich habe die Zahlen von gestern im Kopf“, verändert sich die Stimme, und es kommen Informationen, die vorher nicht da waren.

Der zweite Punkt, den ich streng handhabe, ist das Aufräumen zwischen den Positionen. Wer aus der 2. Position direkt zurück in die eigene geht, nimmt den Zustand des anderen mit und wundert sich hinterher über schlechte Laune. Ein kurzer Separator, ein paar Schritte, ein Blick aus dem Fenster, und die Positionen bleiben sauber getrennt. Wie gut das gelingt, sehe ich beim Kalibrieren an Atmung und Gesichtsfarbe, nicht an dem, was jemand berichtet.

Wo haben Wahrnehmungspositionen ihre Grenzen?

Die wichtigste Grenze betrifft die 2. Position. Was dort entsteht, ist eine Hypothese über den anderen, gebaut aus dem eigenen Erfahrungsschatz. Es ist kein Zugang zu seinem Inneren. Wer aus der 2. Position mit dem Satz herauskommt „jetzt weiß ich, warum sie das getan hat“, hat eine Vermutung mit Wissen verwechselt. Nachfragen bleibt notwendig.

Die 3. Position ist nicht objektiv. Sie ist ein weiterer subjektiver Standpunkt, nur mit geringerer emotionaler Beteiligung. Deine Werte, deine Erfahrungen und deine Wahrnehmungsfilter gehen mit dorthin. Die verbreitete Formulierung, man betrachte die Situation dort „objektiv und ohne Vorurteile“, verspricht mehr, als das Modell halten kann.

Zur Wirksamkeit: Perspektivübernahme ist als psychologisches Thema breit erforscht, die NLP-Formate rund um Wahrnehmungspositionen sind es nicht. Es gibt keine kontrollierten Studien, die belegen, dass ein Positionswechsel im NLP-Format bestimmte Ergebnisse zuverlässig erzeugt. Das spricht nicht gegen die Übung, es spricht gegen große Versprechen.

Und es gibt einen Fall, in dem ich die Arbeit nicht mache. Nach Gewalt, Übergriffen oder anhaltender Belastung ist die 2. Position der Person, die geschadet hat, im Coaching fehl am Platz. Sie kann Belastendes reaktivieren und wird gelegentlich als Aufforderung zum Verständnis missverstanden. Das gehört in therapeutische Begleitung.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Häufige Fragen zu Wahrnehmungspositionen

Wie viele Wahrnehmungspositionen gibt es im NLP?

Drei sind gesichert, die vierte ist eine Ergänzung. John Grinder und Judith DeLozier beschrieben 1987 die erste (Ich), die zweite (Gegenüber) und die dritte Position (Beobachter). Die 4. Position kam später hinzu und wird uneinheitlich verwendet, meist als Perspektive des Gesamtsystems, in manchen Quellen als Meta-Meta-Position oder als spirituelle Ganzheitsperspektive.

Was ist der Unterschied zwischen 1., 2. und 3. Position?

Die 1. Position ist dein eigenes Erleben, assoziiert und mit vollem Gefühlszugang. In der 2. Position übernimmst du probeweise die Sicht des Gegenübers und siehst dich selbst von außen. Die 3. Position steht neben beiden und betrachtet die Beziehung zwischen ihnen, mit deutlichem emotionalem Abstand.

Sind Beobachterposition und neutraler Beobachter dasselbe?

Ja, beide Begriffe bezeichnen die 3. Wahrnehmungsposition. „Beobachterposition“ ist der strukturelle Name innerhalb des Modells, „neutraler Beobachter“ die im deutschsprachigen Raum übliche Bezeichnung, die den Anspruch auf Unparteilichkeit betont. Ein sachlicher Unterschied besteht nicht, wohl aber ein Unterschied im Anspruch: Vollständig neutral ist diese Position nie.

Was hat die 2. Position mit Rapport zu tun?

Die 2. Position unterstützt Empathie, sie erzeugt aber keinen Rapport. Rapport entsteht im Kontakt selbst, über Anpassung an Körpersprache, Sprechtempo und Sprache des anderen. Die 2. Position hilft davor und danach: Sie liefert Vermutungen darüber, was beim Gegenüber ankommt, und macht das eigene Verhalten überprüfbar.

Muss man sich beim Positionswechsel im Raum bewegen?

Notwendig ist es nicht, hilfreich sehr. Feste Plätze im Raum wirken als Raumanker und machen es leichter, einen Zustand vollständig zu verlassen. Rein gedanklich lässt sich die Übung ebenfalls durchführen, dann verschwimmen die Positionen aber schneller, besonders bei emotional aufgeladenen Themen.

Wo kann ich die Arbeit mit Wahrnehmungspositionen lernen?

Wahrnehmungspositionen gehören zum Grundgerüst jeder NLP-Ausbildung und lassen sich schwer allein aus Texten lernen, weil der saubere Wechsel Rückmeldung von außen braucht. Einen praktischen Einstieg bietet der Practitioner-Tag zur Wahrnehmung, systematisch geübt wird es im NLP Practitioner online. Alle weiteren Begriffe findest du in der NLP-Enzyklopädie.

NLP & Schamanismus » NLP-Enzyklopädie » Wahrnehmungspositionen im NLP: die 4 Positionen
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner