Was wir für uralt und für unser Eigenes halten, ist meistens gewandert, bevor es bei uns angekommen ist.
Die Mala ist nicht schamanisch. Die Herkunft der Mala Kette liegt in Indien, in der hinduistischen Praxis, ein Mantra zu wiederholen und dabei mitzuzählen. Buddhismus und Jainismus haben die Kette übernommen, und über den Buddhismus kam sie in Gegenden, in denen auch schamanisch gearbeitet wird, zum Beispiel nach Nepal, Tibet und in die Mongolei. Wer heute mit einer Mala arbeitet, benutzt also ein Werkzeug aus einer anderen Tradition. Das ist in Ordnung, solange man weiß, woher es kommt.
Vielleicht liegt bei dir so eine Kette neben dem Bett. Vielleicht trägst du sie am Handgelenk, mit einer Quaste, die schon ein bisschen ausgefranst ist. Irgendwer hat dir gesagt, sie sei schamanisch, oder du hast sie in einem Laden gekauft, in dem Trommeln, Räucherbündel und Kristalle im selben Regal standen. Und dann kommt dieser kleine Moment, in dem du nicht genau sagen könntest, was du da eigentlich in der Hand hast.
In meiner Arbeit kommt diese Frage immer wieder, und fast nie als Frage nach Geschichte. Sie kommt als Unsicherheit: Darf ich das überhaupt benutzen, wenn ich nicht buddhistisch bin? Mache ich damit etwas falsch?
Also der Reihe nach. Woher kommt die Kette, warum sind es 108 Perlen, und was heißt das für die Mala in deiner Schublade?
1. Die Mala kommt aus Indien, nicht aus dem Schamanismus.
Das Wort kommt aus dem Sanskrit und heißt Kranz oder Girlande. Gemeint ist eine Schnur mit Perlen, an der ein Mantra gezählt wird. Diese Praxis heißt Japa, und sie ist in Indien seit sehr langer Zeit belegt, lange vor allem, was wir heute spirituelle Szene nennen. Die Kette war kein Schmuck und kein Statussymbol. Sie war ein Zählwerkzeug für Menschen, die dieselben Silben hunderte Male am Tag wiederholten und dabei nicht mitrechnen wollten.
Vom Hinduismus wanderte sie weiter in den Jainismus und in den Buddhismus. Mit dem Buddhismus ging sie dann über die Handelswege nach Norden und Osten, nach Tibet, nach Nepal, nach China, nach Japan und bis in die Mongolei. Jede dieser Kulturen hat die Kette ein Stück verändert: andere Materialien, andere Zahlen, andere Gebete.
Für dich heißt das vor allem eins: Wenn du dir eine Mala kaufst, kaufst du kein schamanisches Werkzeug. Du kaufst ein Zählwerkzeug aus einer hoch entwickelten Gebetspraxis. Das macht es nicht weniger wert. Es macht nur die Erzählung ehrlicher, mit der du es benutzt. Und wenn du jetzt wissen willst, warum es gerade 108 Perlen sind, dann ist die Antwort unspektakulärer, als die meisten Shops behaupten.
2. Die 108 Perlen sind eine alte Rechnung, kein Geheimnis.
108 ist in den indischen Traditionen eine Zahl, die an vielen Stellen auftaucht: in der Anzahl heiliger Texte, in Tempelbauten, in Atem- und Rezitationsvorgaben. Es gibt dafür mehrere Begründungen, und sie widersprechen sich teilweise. Manche rechnen mit Sonne, Mond und Erde und den Verhältnissen ihrer Abstände und Durchmesser. Manche zerlegen die Zahl in 1, 0 und 8 und legen eine Deutung darüber. Manche sagen schlicht: Sie lässt sich gut teilen, und das ist für eine Gebetskette praktisch.
Genau deshalb gibt es auch Ketten mit 54, 27 oder 21 Perlen. Das sind keine billigen Varianten, sondern Teiler, damit du mehrere Runden gehen kannst und am Ende trotzdem auf eine runde Zahl kommst. Dazu kommt oft eine größere Perle, die Guru-Perle. Sie wird nicht mitgezählt. Sie markiert den Anfang, damit du beim Umkehren nicht über sie hinweggehst.
Der praktische Hinweis: Kauf dir nicht die Geschichte, kauf dir die Länge, die du wirklich benutzt. Wenn 108 Wiederholungen für deinen Alltag zu viel sind, nimm 27 Perlen und geh sie wirklich durch. Eine Kette, die du jeden Morgen zwei Minuten in der Hand hast, wirkt anders als eine, die dich vom Nachttisch aus daran erinnert, dass du etwas nicht machst. Was dabei leicht untergeht: Die Mala ist nicht die einzige Kette dieser Art, und sie ist nicht einmal die verbreitetste.
3. Fast jede große Tradition hat ihre eigene Zählkette.
Im Islam gibt es die Misbaha, auch Tasbih genannt, meistens mit 99 oder 33 Perlen, für die Namen Gottes. Im Christentum gibt es den Rosenkranz, der sich in der heutigen Form im Mittelalter in Europa herausgebildet hat, und in der Ostkirche die Knotenschnur, das Komboskini oder Tschotki, mit Wollknoten statt Perlen. Im Sikhismus wird die Mala ebenfalls benutzt. Und in Europa findet man Zählhilfen aus Gebeinen, Holz und Stein in Gräbern, die älter sind als alle diese Religionen.
Das ist die eigentliche Erkenntnis an dieser Stelle: Mit den Händen zu zählen, während der Mund etwas wiederholt, ist nichts Indisches und nichts Buddhistisches. Es ist etwas Menschliches. Verschiedene Kulturen sind unabhängig voneinander darauf gekommen, weil es funktioniert. Der Körper braucht eine Aufgabe, damit der Kopf eine bekommt.
Wenn du also das Gefühl hast, du greifst nach etwas Fremdem, dann stimmt das nur halb. Das Werkzeug ist fremd. Die Bewegung ist alt und dir gehört sie genauso wie allen anderen. Bleibt die Frage, wie die Mala überhaupt in schamanische Zusammenhänge geraten ist. Die Antwort hat mit Landkarten zu tun, nicht mit Esoterik.
4. In die schamanische Praxis kam sie dort, wo sich Traditionen gemischt haben.
In Nepal arbeiten schamanisch Tätige, die Jhankri, seit Jahrhunderten in direkter Nachbarschaft zu hinduistischer und buddhistischer Praxis. In der Mongolei stehen die alte schamanische Arbeit und der tibetische Buddhismus seit dem 16. Jahrhundert nebeneinander, mit Phasen der Verdrängung und Phasen des Miteinanders. In Burjatien und Tuwa ist es ähnlich. Wo Menschen so lange Tür an Tür leben, wandern Gegenstände. Eine Trommel bleibt eine Trommel, aber eine Kette, eine Formel, eine Farbe, ein Räucherwerk gehen hin und her.
Deshalb kann es gut sein, dass du auf einem Foto eine mongolische oder nepalesische Schamanin mit einer Gebetskette siehst. Das heißt nicht, dass die Kette aus dem Schamanismus kommt. Es heißt, dass sie dort angekommen ist. Ähnlich steht es mit der Grünen Tara, einer buddhistischen Gestalt, die in manchen Praxislinien ganz selbstverständlich gerufen wird.
Für die Frage, ob du etwas darfst, ist das hilfreicher als jede Regel. Traditionen waren nie sauber getrennt, und wer schamanisch lernt, lernt immer eine Linie, nicht die Menschheit. Nenne also, woher du etwas hast, statt es umzuetikettieren. Und damit zu dem Teil, der mich an der Mala mehr beschäftigt als ihre Geschichte: was sie mit dem Körper macht.
5. Dein Körper zählt mit, auch wenn dein Kopf abschweift.
Eine Gebetskette gibt der Aufmerksamkeit zwei Halteseile: Berührung und Takt. Du spürst die Perle zwischen Daumen und Zeigefinger, du schiebst sie weiter, du spürst die nächste. Dieses Weiterschieben ist langsam und immer gleich. Wenn du dazu lang ausatmest, wird die Ausatmung automatisch länger als die Einatmung, und das beruhigt die meisten Menschen zuverlässiger als jeder Vorsatz, jetzt ruhig zu werden. Und das Beste daran: Es funktioniert auch, wenn du gedanklich schon dreimal woanders warst. Die Hand macht weiter.
In einem Kurs saß vor mir jemand mit einer kurzen Kette in der Hand. Wir hatten gerade eine Trommelrunde hinter uns, der Raum war noch ganz still, der Regen lief draußen an der Scheibe runter. Ich sah, wie der Daumen Perle für Perle weiterschob, immer im Takt der Trommel, die längst aufgehört hatte. Nach einer Weile ging ein Blick nach oben und ein halbes Lachen. „Ich dachte, ich muss dabei was denken. Aber ich denke gar nichts. Ich schiebe nur.“ Wir haben nichts weiter dazu gesagt. Die Hand hatte etwas gelernt, worüber der Kopf noch verhandelt hätte.
Dein Handgriff für heute, und er dauert unter einer Minute: Nimm zehn Perlen. Bei jeder Perle einmal lang ausatmen, so lang, dass die Ausatmung die Einatmung deutlich überholt. Mehr nicht. Kein Mantra, keine Absicht, kein Ergebnis. Zehn Perlen, zehn Ausatmungen, dann weitermachen mit dem, was ansteht. Das ist kein Ersatz für Therapie oder für medizinische Behandlung, und wenn du gerade in einer schweren Phase bist, gehört dir mehr Unterstützung als eine Kette. Es ist ein kleiner Griff, der an vielen Tagen reicht. Was dabei fast immer gefragt wird: ob die Kette irgendwann mehr ist als eine Kette.
6. Die Mala wird nicht durch den Kauf wichtig, sondern durch die Wiederholung.
Im Material steckt keine Kraft, die auf dich wartet. Was passiert, ist unspektakulär und wirksam: Du benutzt einen Gegenstand immer in derselben Lage, im selben Takt, für dieselbe Sache. Nach einigen Wochen ruft schon das Anfassen den Zustand, in dem du dabei warst. Im NLP heißt das ein Anker. In der schamanischen Arbeit würde man sagen, der Gegenstand hat Kraft gesammelt, weil du sie hineingelegt hast. Beides beschreibt dasselbe von zwei Seiten.
Daraus folgen drei nüchterne Dinge. Benutz die Kette für eine Sache, nicht für fünf. Lass sie an einem Ort liegen, an dem du sie siehst, nicht in der Schublade. Und widersteh der Versuchung, sie mit vier Traditionen gleichzeitig aufzuladen. Eine Mala, ein Mantra oder eine Atemübung, ein Platz. Wenn du Lust hast, sie zu reinigen, dann schlicht: Rauch, Wasser, Nacht am offenen Fenster. Das reicht, und es passt zu den kleinen schamanischen Praktiken, die in einen normalen Tag passen.
Und dann noch der Satz, der die ganze Frage am Anfang entspannt: Du musst die Kette nicht verdienen. Du musst sie nur benutzen und sagen können, woher sie kommt. Das ist Respekt, und Respekt ist etwas anderes als Angst, etwas falsch zu machen.
Klassisch 108, dazu eine größere Guru-Perle, die nicht mitgezählt wird. Verbreitet sind auch Ketten mit 54, 27 oder 21 Perlen, weil 108 sich gut teilen lässt. Für den Alltag ist die kürzere Kette oft die ehrlichere Wahl.
Nein. Die Mala kommt aus der hinduistischen Praxis in Indien und wurde von Buddhismus und Jainismus übernommen. In Regionen wie Nepal, Tibet und der Mongolei begegnen sich buddhistische und schamanische Praxis seit Jahrhunderten, deshalb sieht man die Kette auch dort.
Ja. Entscheidend ist, dass du weißt und auch sagst, woher die Kette kommt, statt sie als schamanisch oder als dein eigenes Erbe auszugeben. Benutze sie für eine klare Sache und nicht als Dekoration für eine Geschichte.
Beide sind Zählketten für wiederholtes Gebet, kommen aber aus verschiedenen Traditionen und haben andere Zahlen. Der Rosenkranz hat sich in Europa im Mittelalter herausgebildet, die Mala ist deutlich älter und stammt aus Indien.
Jetzt bist du dran
Zwei Fragen, und ich lese jede Antwort: Hast du eine Mala oder eine andere Zählkette, und wo liegt sie gerade? Und was wäre die eine Sache, für die du sie ab morgen benutzen würdest, wenn du dich auf eine festlegen müsstest?
Schreib es gern in die Kommentare. Wenn du solche Handgriffe lieber zusammen mit anderen üben willst, statt sie allein auszuprobieren: Meine nächsten Termine für Kurse und Reisen findest du auf der Terminseite.

