Wer nach der Reise zum Glas greift, wollte vielleicht gar nicht feiern, sondern nicht mehr fühlen.
Schamanismus und Alkohol vertragen sich schlecht, weil Alkohol dem Körper schadet und genau die feine Wahrnehmung dämpft, mit der schamanische Arbeit funktioniert. Es gibt keine Menge, die als gesund gilt. Eine Tradition, die das Trinken grundsätzlich verbietet, lässt sich daraus trotzdem nicht ableiten, denn in manchen Kulturen wird Alkohol geopfert, zur Reinigung benutzt oder getrunken. Viele heutige Praktizierende trennen dennoch Opfergabe und Reinigung vom eigenen Trinken, weil sie klar bleiben wollen.
Du kennst vielleicht den Moment nach einem Abend mit Trommel, Kerze und Stille. In dir ist alles weit und weich, und dann kommt der Gedanke: Jetzt ein Glas Wein, das wäre rund. Oder du bist zu einer Zeremonie eingeladen, und jemand fragt ganz nebenbei, ob du vorher noch etwas trinken magst.
Die Frage nach Schamanismus und Alkohol kommt in meiner Arbeit mit Reisen und Zeremonien immer wieder. Meistens ohne Vorwurf, eher mit einem leisen Zögern: Darf ich das noch? Muss ich jetzt verzichten?
Ich arbeite mit schamanischen Reisen und Zeremonien und sehe, wie unterschiedlich Menschen mit dem Thema umgehen. Deshalb bekommst du hier keine Abstinenz-Predigt, sondern sieben Gründe, die viele Praktizierende für sich entdeckt haben.
Fangen wir mit dem an, was man gern überhört: Was macht Alkohol eigentlich mit dem Körper, mit dem du arbeitest?
1. Alkohol schadet dem Körper, und es gibt keine Menge, die als gesund gilt.
Das ist der unromantischste Grund, und er steht nicht ohne Grund an erster Stelle. Nach dem heutigen Stand der Gesundheitsforschung gibt es keine Menge Alkohol, die als gesund gilt. Das heißt nicht, dass jedes Glas ein Drama ist. Es heißt, dass der Körper Alkohol nie als Gewinn verbucht.
Wie fühlt sich das an? Oft ganz leise. Ein Wein am Abend, und am Morgen ist der Kopf ein wenig dumpf, der Schlaf war flacher, die Stimmung sitzt tiefer. Man schiebt es aufs Wetter oder auf die Woche.
Warum das für schamanische Arbeit zählt: Du arbeitest mit deinem Körper. Atem, Herzschlag, Muskelspannung und das Kribbeln in den Händen sind deine Messgeräte. Wenn der Körper jeden Abend gegen etwas ankämpft, das ihm schadet, bleibt weniger Kraft für das, was du eigentlich tun willst.
Dein Schritt für heute: Notiere morgen früh in einem Satz, wie du dich fühlst, ohne Urteil, nur als Beobachtung. Das dauert nicht einmal eine halbe Minute.
Das ist aber nur die Körperseite. Das Wort, mit dem wir Alkohol oft benennen, erzählt noch etwas ganz anderes darüber, was Menschen früher in ihm sahen.
2. Das Wort Spirituose geht auf spiritus zurück, auf Geist, und genau den kannst du nicht aus der Flasche holen.
Spiritus heißt im Lateinischen Atem, Hauch, Geist. Daraus wurde das Wort Spirituose. Früher sah man im Destillat etwas Flüchtiges, das beim Erhitzen aufsteigt, und nannte es den Geist des Weines.
Das ist ein schönes Bild, und es verführt. Wer spirituell arbeitet, denkt schnell: Dann ist Alkohol ja eine Abkürzung. Ein Schluck, und der Geist ist da.
Im Körper fühlt sich das zuerst auch so an. Die Schultern sinken, der Kopf wird still, die Zunge locker. Nur ist das Entspannung durch Dämpfung, nicht durch Kontakt. Dein Innenraum wird nicht weiter, er wird an den Rändern weicher. Den Unterschied merkst du erst, wenn du beides kennst.
Schamanische Arbeit baut auf Kontakt: zu dir, zu einem Tier auf einer Reise, zur Landschaft. Kontakt braucht, dass du wach bist, auch wenn du dich dabei ganz weich fühlst.
Dein Schritt für heute: Wenn du das nächste Mal Lust auf ein Glas hast, frag dich einen Atemzug lang: Will ich schmecken, oder will ich weniger spüren? Mehr nicht.
Nun könnte man einwenden, dass viele alte Kulturen Alkohol sehr wohl in ihre Zeremonien holen. Das stimmt, und es sieht dort ganz anders aus, als man vermutet.
3. In manchen Traditionen wird Alkohol geopfert, zur Reinigung benutzt oder getrunken, und das ist etwas anderes als dein Feierabendglas.
Ich will nichts behaupten, was nicht stimmt: Es gibt keine einheitliche Regel, nach der Schamanismus das Trinken verbietet. In manchen Traditionen wird Alkohol den Geistern geopfert, etwa als Tropfen auf die Erde oder ins Feuer. In anderen dient er der Reinigung. Und bei den Burjaten in Sibirien wird er bei Zeremonien auch getrunken.
Was diese Formen gemeinsam haben, ist der Rahmen. Es gibt einen Anlass, eine Abfolge, Menschen, die wissen, was geschieht, und meist jemanden, der den Raum hält. Das ist eine andere Welt als die moderne Party, über die ich in Zeremonie statt Party geschrieben habe, und auch als das Glas, das man sich auf dem Sofa einschenkt, weil der Tag lang war.
Du kannst den Unterschied spüren. Ein geopferter Tropfen ist eine Geste an etwas außerhalb von dir. Ein Glas am Abend ist meistens eine Geste an dich selbst, und oft eine, die sagen will: Hör bitte kurz auf.
Dein Schritt für heute: Wenn du dich auf eine Tradition berufst, frag nach, wie genau sie es hält und wer es macht. Eine Tradition ist mehr als der eine Satz, den man im Internet findet.
Genau hier setzen viele heutige Praktizierende an, denn sie haben etwas entdeckt, das sich mit der alten Geste verträgt, ohne dass sie selbst trinken.
4. Eine Opfergabe lässt sich geben, ohne dass du selbst trinkst.
Viele, die heute schamanisch arbeiten, trennen zwei Dinge: das, was sie der Erde oder den Geistern geben, und das, was sie selbst zu sich nehmen. Die Opfergabe darf Alkohol sein, wenn die Tradition es so kennt. Sie kann ebenso Wasser sein, Mehl, Honig oder ein Lied. Reinigung geht mit Rauch, mit Wasser oder mit der Rassel, wie du in den schamanischen Schutzritualen nachlesen kannst.
Ich habe das selbst erst durch einen kleinen Irrtum richtig verstanden. Vor einem Kurs hatte ich in einer Schale einen Schluck Schnaps als Opfergabe vorbereitet, so wie ich es gelesen hatte. Draußen regnete es, das Fenster war gekippt, und die Tropfen tickten auf das Blech der Fensterbank. Als die Gruppe hereinkam, roch der ganze Raum nach Kneipe. Jemand blieb in der Tür stehen und fragte leise: „Ist das Teil der Übung?“ Ich suchte innerlich nach einer klugen Erklärung und fand keine. Also nahm ich die Schale, ging zur Tür und goss den Schnaps in den Regen. Dann füllte ich sie mit Wasser aus dem Krug und stellte sie zurück auf das Tuch in der Mitte. Der Raum atmete auf. Und ich hatte ein Gefühl, das ich nicht erwartet hatte: Die Gabe war nicht kleiner geworden. Sie war klarer.
Das heißt nicht, dass Schnaps als Opfergabe falsch ist. Es heißt, dass die Gabe nicht davon abhängt. Was zählt, ist die Absicht und dass du sie ernst meinst.
Dein Schritt für heute: Stell ein Glas Wasser nach draußen oder auf die Fensterbank und sag einen Satz dazu, zum Beispiel „Danke für diesen Tag“. Das dauert eine halbe Minute.
Der Körper, der das alles trägt, hat allerdings noch einen weiteren Einwand, und der betrifft nicht die Gabe, sondern deine Sinne.
5. Alkohol dämpft genau die feine Wahrnehmung, die du in der Arbeit brauchst.
Schamanische Reisen leben von Kleinigkeiten. Ein Bild, das nur halb erscheint. Ein Körpergefühl, das sich kurz verschiebt. Ein Tier, das mehr durch Stimmung da ist als durch Aussehen. Das sind leise Signale.
Alkohol macht entweder laut oder müde, selten leise und wach. Er dämpft das Nervensystem, verlangsamt die Reaktion und macht Erinnerungen löchrig. Du fühlst dich vielleicht offener, aber du nimmst weniger genau wahr. Hinterher bleibt ein Eindruck von Weite, und nur wenig, was du beschreiben oder wiederfinden kannst.
Deshalb trinken viele Praktizierende vor einer Reise, einer Zeremonie oder einer Sitzung nichts. Wie so ein Tag ablaufen kann, steht im Beitrag zur schamanischen Heilsitzung. Der Grund ist selten Strenge. Meistens wollen sie das Bild am nächsten Morgen noch haben.
Dein Schritt für heute: Schreib nach einer Reise drei Stichworte auf, bevor du irgendetwas anderes tust. Fällt dir das nach einem Abend mit Alkohol schwerer, hast du deinen eigenen Beleg und musst niemandem glauben.
Das Bild, das du festhältst, trägt dich noch ein Stück weiter, solange die Nacht danach nicht gegen dich arbeitet.
6. Dein Schlaf wird flacher, und in der Nacht nach der Arbeit setzt sich vieles zurecht.
Nach einer Reise, einer Sitzung oder einer Zeremonie arbeitet es in dir weiter. Häufig berichten Teilnehmende von Träumen in der folgenden Nacht, von einem Satz, der morgens plötzlich da ist, von einem Gefühl, das sich verschoben hat.
Alkohol greift in diese Nacht ein. Man schläft schneller ein, aber flacher, wacht früher auf und erinnert sich schlechter an Träume. Die Schlafforschung beschreibt das seit Langem, und viele merken es an sich selbst. Was sich wie Ruhe anfühlt, ist dann ein Schlaf, der weniger erholt, und die Träume, die dir etwas hätten sagen können, bleiben aus oder verschwimmen.
Dein Schritt für heute: Leg einen Stift und einen Zettel neben das Bett. Schreib morgens vor dem Aufstehen eine Zeile auf, egal was. Das dauert zehn Sekunden.
Der letzte Grund hat kaum etwas mit dem Glas zu tun. Er hat damit zu tun, womit du arbeitest.
7. Dein Körper ist das Instrument, und viele Praktizierende wollen darin klar bleiben.
Schamanische Arbeit braucht kein Gerät. Du bist es: dein Atem, deine Stimme, dein Körper, deine Aufmerksamkeit. Eine Musikerin, die ihr Instrument liebt, stimmt es vor dem Konzert. Sie stellt kein Glas darauf.
Viele Praktizierende wollen deshalb klar bleiben, nicht als Gelübde, sondern als Pflege. Sie merken, dass sie mit klarem Kopf mehr hören und dass die Arbeit ruhiger wird. Manche trinken gelegentlich, manche gar nicht. Beides kommt vor, und niemand muss sich dafür rechtfertigen.
Eins ist mir wichtig: Wer merkt, dass sich das Trinken nicht mehr steuern lässt, findet Hilfe bei Fachstellen, zum Beispiel bei einer Suchtberatung in der Nähe oder bei der Hausärztin. Kein Ritual ersetzt das, und dieser Artikel ersetzt weder Therapie noch Beratung. Sich Hilfe zu holen ist ein klarer Schritt, keine Schwäche.
Dein Schritt für heute Abend: Stell dir ein Glas Wasser neben das Bett, trink einen Schluck und atme einmal lang aus. Das dauert zehn Sekunden und sagt deinem Körper: Ich bin da.
Es gibt dafür keine einheitliche Regel. In manchen Traditionen wird Alkohol geopfert, zur Reinigung benutzt oder getrunken, etwa bei den Burjaten in Sibirien. Viele heutige Praktizierende entscheiden sich trotzdem, selbst nicht zu trinken, um klar zu bleiben.
In manchen Traditionen gilt er als Gabe an Geister oder Ahnen, die man als Tropfen auf die Erde oder ins Feuer gibt. Was das genau bedeutet, hängt von der jeweiligen Kultur ab. Eine Opfergabe kann ebenso Wasser, Mehl, Honig oder ein Lied sein.
Alkohol dämpft die feine Wahrnehmung, die du für eine Reise brauchst, und macht die Erinnerung am nächsten Tag unschärfer. Viele verzichten deshalb vor Reisen und Zeremonien ganz. Probier es selbst aus und vergleiche, was du hinterher noch weißt.
Es geht auf das lateinische spiritus zurück, das Atem, Hauch und Geist bedeutet. Früher nannte man das Destillat den Geist des Weines. Mit geistiger Klarheit hat der Rausch trotzdem wenig zu tun.
Jetzt bist du dran.
Welcher der sieben Gründe hat dich am meisten überrascht? Und wenn du ehrlich hinschaust: Was suchst du, wenn du abends zum Glas greifst, und gäbe es einen anderen Weg dorthin?
Schreib es mir gern in die Kommentare, ich lese alles. Wenn du schamanische Arbeit in einem geschützten Rahmen erleben möchtest, findest du die nächsten Angebote auf der Terminseite.

