Wer in fremde Augen schaut, um dort eine Diagnose zu finden, sieht am Ende vor allem die eigene Angst.
Narzissten an den Augen erkennen kann niemand, auch keine schamanisch arbeitende Person. Narzissmus ist ein Begriff aus der Psychologie, und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung stellen Fachleute über längere Zeit anhand festgelegter Kriterien fest, nie über einen Blick. In der Tradition, die ich gelernt habe, wird ein Mensch ohnehin nicht als Diagnose betrachtet. Der schamanische Blick fragt nicht, was jemand ist, sondern wo einem Menschen Kraft fehlt und welche Seelenanteile unterwegs verloren gegangen sind.
Das Video läuft seit Tagen durch deinen Feed. Eine Stimme sagt, Schamanen würden einen Narzissten sofort an den Augen erkennen: an einem kalten Blick, an einer Leere hinter der Pupille, an etwas, das angeblich nicht zu verbergen ist. Und du hältst das Handy ein Stück näher ans Gesicht, weil dir dabei ein bestimmter Mensch einfällt. Ein bestimmter Blick, nach dem du dich jedes Mal ein paar Zentimeter kleiner fühlst.
In meiner Arbeit begegnet mir diese Frage immer wieder, meist von Menschen, die seit Monaten im Internet nach Bestätigung suchen. Was ich dabei beobachte: Die Diagnose ist fast nie die Antwort, nach der sie eigentlich suchen. Sie ist eher der Versuch, einem Gefühl endlich einen Namen zu geben, das sich sonst nicht festhalten lässt.
Warum also würde eine schamanisch arbeitende Person das Wort Narzisst gar nicht erst benutzen? Und was sieht sie stattdessen, wenn sie einem Menschen gegenübersitzt?
1. Der schamanische Blick sucht nach fehlender Kraft, nicht nach einer Störung.
In der schamanischen Arbeit gibt es keine Kategorie für kranke Menschen. Es gibt Menschen, die vollständig in ihrer Kraft stehen, und Menschen, denen etwas davon fehlt. Wenn jemand andere abwertet, sich ständig in den Mittelpunkt stellt oder keine Nähe zulässt, dann liest sich das in dieser Sprache nicht als Persönlichkeitsstörung, sondern als Hinweis: Da ist etwas verloren gegangen, und der Mensch hat gelernt, die Lücke mit Lautstärke oder Kälte zu füllen.
Das ist keine Entschuldigung für Verhalten, das dir schadet. Es ist eine andere Blickrichtung. Eine Diagnose beschreibt, was jemand hat. Der schamanische Blick fragt, was jemandem fehlt. Das Erste macht aus einem Menschen einen Fall, das Zweite lässt ihn einen Menschen bleiben, ohne dass du deswegen bleiben musst.
Wie diese Sicht in der Praxis aussieht, habe ich ausführlicher in Narzissmus: Die schamanische Sichtweise beschrieben. Wichtig ist hier nur der Unterschied in der Frage. Denn genau an dieser Stelle beginnt das Problem mit jedem Etikett: Es beantwortet eine Frage, die so nie gestellt wurde.
2. Ein Etikett beendet die Begegnung, bevor sie begonnen hat.
Sobald das Wort gefallen ist, hört das Hinschauen auf. Jede weitere Beobachtung wird zum Beweis. Er hat heute nicht zurückgerufen: typisch. Sie hat das Gespräch auf sich gelenkt: typisch. Das Etikett arbeitet rückwärts, es sortiert alles ein, was du schon kennst, und schließt alles aus, was nicht passt.
So funktioniert Wahrnehmung nun einmal. Wir löschen, verzerren und verallgemeinern, damit die Welt handhabbar bleibt. Ein starkes Wort wie Narzisst beschleunigt das enorm. Es fühlt sich an wie Klarheit, und es ist doch eher das Gegenteil: Du siehst ab sofort nur noch die eine Version eines Menschen.
Für dich hat das eine praktische Folge. Solange du nach Beweisen suchst, bleibst du in der Beobachterrolle und kommst nicht an die Frage, was du selbst brauchst. Die Beweissuche fühlt sich aktiv an, aber sie verändert nichts an deinem Tag.
Und was angeblich im Blick eines Menschen zu lesen ist, hält der Prüfung ohnehin nicht stand.
3. Augen zeigen einen Zustand, keinen Charakter.
Was Menschen in Videos als narzisstischen Blick beschreiben, ist meist eine Mischung aus wenig Blinzeln, starrer Mimik und einem Lächeln, das die Augenpartie nicht erreicht. All das gibt es wirklich. Nur sagt es nichts über eine Persönlichkeit aus. Es sagt etwas über einen Moment.
Ein starrer Blick entsteht bei Anspannung, bei Erschöpfung, bei Menschen, die gerade innerlich weit weg sind, bei Trauer, bei Scham, bei Medikamenten, bei Autismus, bei jemandem, der sich schlicht unwohl fühlt. Und bei jemandem, der gerade ein Video aufnimmt und genau weiß, dass eine Kamera läuft.
Auch in der schamanischen Arbeit schaue ich Menschen in die Augen, das stimmt. Aber ich lese dort keinen Charakter. Ich nehme wahr, ob jemand gerade anwesend ist oder nicht, ob Kraft da ist oder fehlt, ob der Mensch sich zeigt oder sich hinter etwas stellt. Das ist eine Momentaufnahme, mehr nicht, und sie kann morgen anders aussehen.
Es gibt einen Grund, warum die Fachwelt sich so viel Zeit nimmt, bevor sie dieses Wort überhaupt in den Mund nimmt.
4. Eine Persönlichkeitsstörung feststellen dürfen nur Fachleute, und sie brauchen dafür Zeit.
Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine klinische Diagnose. Sie wird von Psychotherapeutinnen, Psychiaterinnen oder Psychologinnen gestellt, anhand von Kriterienkatalogen, über mehrere Gespräche hinweg, und nur dann, wenn ein Muster sich über Jahre durch viele Lebensbereiche zieht und den Menschen selbst oder andere deutlich belastet.
Narzisstische Züge dagegen hat fast jeder Mensch, in unterschiedlicher Dosis. Zwischen einem Zug und einer Störung liegt ein weiter Weg, und dieser Weg lässt sich nicht über einen Bildschirm abkürzen, auch nicht über eine spirituelle Begabung.
Das gilt auch in die andere Richtung: Ein Artikel wie dieser ersetzt keine Therapie und keine Paarberatung, und schamanische Arbeit tut das ebenfalls nicht. Sie kann daneben stehen, sie kann etwas lösen, was Reden allein nicht erreicht, aber sie übernimmt nicht die Aufgabe einer Fachperson. Wo die Linie verläuft, habe ich in Coaching oder Therapie aufgeschrieben. Wenn du dich in einer Beziehung bedroht fühlst oder Angst hast, hol dir bitte professionelle Hilfe, nicht ein Orakel.
Trotzdem bleibt die Frage im Raum. Und meist steckt in ihr etwas ganz anderes als der Wunsch nach einer Diagnose.
5. Wer einem anderen ein Etikett gibt, gibt ihm damit auch Macht.
Das Etikett verschiebt die Hauptrolle. Ab dem Moment, in dem jemand Narzisst heißt, dreht sich dein Denken um ihn: um seine Absichten, seine Tricks, seine nächste Reaktion. Du wirst zur Expertin für einen Menschen, der dir nicht guttut. Deine eigene Richtung rückt dabei in den Hintergrund.
In einem Kurs vor einiger Zeit, zweiter Tag, draußen Regen auf dem Blechdach, drinnen die Heizung zu laut. Eine Teilnehmerin hatte seit dem Morgen ihren Becher Tee auf der Fensterbank stehen lassen, unberührt, längst kalt. In der Pause blieb sie sitzen und sagte in den Raum, ohne jemanden anzusehen: „Ich wollte einfach endlich ein Wort dafür haben.“ Dann war es still, bis jemand anderes fragte, wofür genau. Sie überlegte lange. „Dafür, dass ich in seiner Nähe nicht mehr weiß, was ich denke.“ Den Tee hat sie an dem Tag nicht mehr angerührt. Aber sie hat ihren zweiten Satz später noch einmal wiederholt, und beim zweiten Mal klang er anders, weniger nach Anklage und mehr nach einer Feststellung über sich selbst.
Genau diese Verschiebung ist der Punkt. Nicht das Wort über ihn, sondern der Satz über dich. Und der führt zu der Frage, die unter der Narzissmus-Frage fast immer liegt.
6. Hinter der Frage nach dem Narzissten steckt meist die Erfahrung, übersehen zu werden.
Kaum jemand gibt diese Suchanfrage aus Neugier ein. Dahinter liegt fast immer dasselbe: das Gefühl, nicht gemeint zu sein. Etwas zu erzählen und zu merken, dass nichts ankommt. Sich zu erklären und danach noch unsicherer zu sein als vorher. Das Gefühl, in einer Verbindung vorzukommen, aber nicht zu zählen.
Schamanisch gesehen ist das kein diffuses Unbehagen. Wer lange neben jemandem lebt, bei dem nichts ankommt, gibt Stück für Stück Kraft ab. Meinungen werden leiser, Vorlieben verschwinden, irgendwann weiß man nicht mehr, was man selbst eigentlich will. Dafür braucht es keine Diagnose beim Gegenüber. Es reicht, dass bei dir etwas abfließt.
Die gute Nachricht daran: Dieser Teil liegt in deiner Hand, unabhängig davon, wie der andere Mensch zu benennen wäre. Du kannst anfangen, deine Kraft zurückzuholen, ohne vorher eine Diagnose zu haben. Grenzen setzen funktioniert ohne Etikett genauso gut.
Deshalb hilft eine andere Frage weiter als jede Diagnose, und du kannst sie dir ab heute stellen.
7. Die hilfreichere Frage lautet nicht, was er ist, sondern was in seiner Gegenwart mit dir passiert.
Die Diagnose eines anderen Menschen kannst du nicht stellen und nicht überprüfen. Deinen eigenen Zustand kannst du überprüfen, jeden Tag, ohne Fachwissen. Er ist das verlässlichere Signal.
Eine Übung dafür dauert weniger als eine Minute. Nach dem nächsten Treffen oder Telefonat mit diesem Menschen bleibst du einen Moment stehen, bevor du etwas anderes anfängst. Dann beantwortest du eine einzige Frage, am besten laut: Bin ich gerade größer oder kleiner als vorher? Kein Nachdenken, keine Begründung, nur das erste Wort, das kommt. Notiere es in einer Notiz-App, mit Datum.
Nach drei oder vier Wochen hast du etwas in der Hand, das kein Video dir geben kann: deine eigenen Daten. Nicht darüber, wer dieser Mensch ist, sondern darüber, was regelmäßig mit dir geschieht, wenn du bei ihm bist. Das reicht als Grundlage für eine Entscheidung. Eine Diagnose brauchst du dafür nicht.
Und falls dabei über Monate immer dasselbe Wort steht: Du musst damit nicht allein bleiben. Meine aktuellen Termine findest du hier.
Häufige Fragen
Nein. Es gibt kein Merkmal im Blick, das eine narzisstische Persönlichkeitsstörung anzeigt. Ein starrer oder kühler Blick entsteht bei Anspannung, Erschöpfung, Trauer, Scham oder schlicht vor einer Kamera. Augen zeigen einen Zustand, keinen Charakter.
In der Tradition, die ich gelernt habe, wird niemand als Diagnose gesehen. Statt nach einer Störung wird nach fehlender Kraft und nach verlorenen Seelenanteilen geschaut. Verhalten, das andere klein macht, gilt als Hinweis auf eine Lücke, nicht als Etikett für einen Menschen.
Achte auf deinen Zustand statt auf sein Verhalten. Frage dich nach jeder Begegnung, ob du dich größer oder kleiner fühlst als vorher, und notiere das erste Wort, das kommt. Nach einigen Wochen zeigt sich ein Muster, das belastbarer ist als jede Ferndiagnose.
Nein. Eine Persönlichkeitsstörung stellen nur Fachleute fest, und Therapie leistet etwas, das schamanische Arbeit nicht leistet. Beides kann nebeneinander stehen. Bei Angst oder Bedrohung in einer Beziehung ist professionelle Hilfe der erste Schritt.
Jetzt bist du dran
Zwei Fragen, und ich lese jede Antwort: Welches Wort suchst du gerade für eine Beziehung in deinem Leben? Und was würde sich ändern, wenn du dieses Wort nicht fändest und trotzdem handeln müsstest?
Schreib es gern in die Kommentare. Wenn du lernen willst, wie dieser Blick auf Kraft und Seele in der Praxis funktioniert, findest du ihn Schritt für Schritt in The Elements of Shamanism.

