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Untere, mittlere, obere Welt: Der Kosmos erklärt

Beim ersten Mal fragen fast alle dasselbe: „Und wohin gehe ich jetzt?“ Die Antwort klingt erst mal nach Landkarte – und ist doch eher eine Beschreibung davon, wie sich unterschiedliche Tiefen anfühlen.

Der schamanische Kosmos besteht aus drei Welten: der unteren, der mittleren und der oberen Welt. Sie sind keine Orte im Weltraum, sondern drei Erfahrungsräume, die du in der schamanischen Reise betrittst. Die untere Welt ist die Welt der Krafttiere, der Instinkte und der verlorenen Seelenanteile. Die mittlere Welt ist die feinstoffliche Ebene unserer Alltagswirklichkeit – dieselbe Welt, in der du gerade sitzt, nur anders wahrgenommen. Die obere Welt ist die Welt der Lehrer, Geistführer und der großen Überblicke.

Diese Dreiteilung findet sich in erstaunlich vielen Kulturen: im sibirischen Schamanismus, bei den Anden-Völkern (Ukhu Pacha, Kay Pacha, Hanan Pacha), in der nordischen Weltenesche Yggdrasil, in mesoamerikanischen Weltbildern. Der Ethnologe Mircea Eliade hat dieses Muster in den 1950er Jahren als „Weltachse“ beschrieben – ein Baum, ein Berg, eine Säule, die alle drei Ebenen verbindet. Ob das nun ein universelles Bild des menschlichen Bewusstseins ist oder eine Ordnung, die Forscher nachträglich über sehr unterschiedliche Traditionen gelegt haben, darüber streitet die Wissenschaft bis heute. Für die Praxis brauchbar ist die Einteilung vor allem aus einem Grund: Sie hilft dir zu entscheiden, wo du hingehst, wenn du eine bestimmte Frage hast.

Die drei Welten im Überblick

WeltWer dir begegnetWofür du hingehstTypischer Einstieg
Untere WeltKrafttiere, Ahnen, Naturwesen, SeelenanteileKraft, Schutz, Erdung, Heilung alter VerletzungenNach unten: Höhle, Baumwurzel, Quelle, Tunnel
Mittlere WeltGeist der Orte, Pflanzen, Tiere, lebende MenschenKonkrete Alltagsfragen, verlorene Dinge, Räume klärenAuf gleicher Ebene: aus der Tür deines Hauses hinaus
Obere WeltLehrer in menschlicher Gestalt, Geistführer, AhnenweisheitOrientierung, Sinnfragen, Überblick, LebensrichtungNach oben: Baum, Rauch, Berg, Regenbogen, Leiter

Die Tabelle ist eine Orientierung, keine Vorschrift. In der Praxis verschwimmen die Grenzen häufiger, als Bücher zugeben. Und sie sagt noch nichts darüber, wie sich das Ganze anfühlt. Also der Reihe nach.

Was ist die untere Welt im Schamanismus?

Die untere Welt ist der Erfahrungsraum von Instinkt, Körper und Ursprung. Hier begegnest du deinem Krafttier, hier findet der größte Teil der Heilarbeit statt – Seelenrückholung, Ahnenarbeit, das Wiederfinden von Kraft, die irgendwo unterwegs liegen geblieben ist.

Das Wichtigste vorweg, weil es fast jeder falsch versteht: „Untere Welt“ hat nichts mit Hölle, Unterwelt oder Bestrafung zu tun. Die christliche Vorstellung von „unten gleich böse“ ist eine spätere Überlagerung. In den schamanischen Traditionen, aus denen dieses Bild stammt, ist unten dort, wo die Wurzeln sind. Wo Leben herkommt. Die untere Welt ist meist der freundlichste, wärmste Ort im ganzen Kosmos.

Der Weg dorthin führt nach unten, durch eine Öffnung in der Erde: eine Höhle, ein Wurzelloch, eine Quelle, ein alter Brunnen, ein Tierbau. Viele Reisende beschreiben einen Tunnel, manchmal Wasser, manchmal Dunkelheit, aus der sich dann eine Landschaft formt. Wälder, Flüsse, Steppe, Küste. Oft dieselbe Landschaft, jedes Mal wieder.

Wann du in die untere Welt gehst: wenn du erschöpft bist. Wenn du dich abgeschnitten fühlst von deinem Körper. Wenn du wissen willst, welches Tier gerade mit dir geht. Wenn ein altes Thema sich nicht wegdenken lässt, weil es kein Kopfthema ist.

Interessanterweise ist die Welt, die den meisten am fremdesten klingt, die, in der du längst lebst.

Was ist die mittlere Welt?

Die mittlere Welt ist die feinstoffliche Ebene der Wirklichkeit, in der wir alle gerade sind. Kein anderer Ort – dieselbe Welt, nur mit anderen Augen betrachtet. Du reist nicht weg, sondern in dieselbe Landschaft hinein, in der auch dein Körper sitzt.

Sie ist die praktischste und gleichzeitig die anspruchsvollste der drei. Praktisch, weil du hier ganz konkrete Dinge tust: einen Raum energetisch klären, mit dem Geist eines Ortes oder eines Baumes sprechen, herausfinden, warum sich eine Wohnung schwer anfühlt, etwas Verlorenes suchen. Anspruchsvoll, weil hier alles durcheinandergeht – deine Erinnerungen, deine Wünsche, echte Wahrnehmung, Gedanken über andere Menschen. In der unteren und oberen Welt merkst du deutlich, dass du woanders bist. In der mittleren Welt merkst du es nicht.

Deshalb wird in vielen Traditionen empfohlen, die mittlere Welt erst zu bereisen, wenn du mit unterer und oberer Welt vertraut bist – und immer in Begleitung deines Krafttiers. Und es gibt eine ethische Grenze, die ich klar ziehe: Man reist nicht in die mittlere Welt, um über andere Menschen etwas herauszufinden. Nicht über den Ex-Partner, nicht über die Kollegin, nicht über das Kind. Das ist kein spiritueller Aberglaube, sondern schlicht ein Übergriff.

Wenn unten die Wurzeln sind und in der Mitte der Alltag – was bleibt dann für oben?

Was ist die obere Welt?

Die obere Welt ist der Erfahrungsraum von Überblick, Sinn und Lehre. Hier begegnen dir Wesen, die meist in menschlicher oder lichthafter Gestalt erscheinen – Lehrer, Geistführer, manchmal Ahnen, die längst weitergegangen sind. Die Fragen, die du hierher mitbringst, sind größer: Wohin geht mein Leben? Was ist meine Aufgabe? Was übersehe ich gerade?

Der Weg führt nach oben, an etwas entlang: ein Baum, dessen Krone du hinaufkletterst, eine Rauchsäule, ein Berggipfel, eine Leiter, ein Vogel, der dich trägt. Fast immer gibt es eine Schwelle – eine Membran, eine Wolkenschicht, ein Tor –, durch die du hindurchgehst. Diese Schwelle ist ein gutes Zeichen. Sie markiert, dass du wirklich die Ebene gewechselt hast.

Die obere Welt fühlt sich für viele weiter und kühler an als die untere. Weniger Fell, mehr Licht. Die Antworten kommen oft nicht als Bild, sondern als Wissen, das plötzlich da ist – und sich manchmal erst Tage später richtig entfaltet.

Bleibt die Frage, die in jeder Einsteigergruppe irgendwann kommt.

Woher weiß ich, in welcher Welt ich gelandet bin?

Am zuverlässigsten am Weg dorthin, nicht an der Landschaft. Wenn du bewusst durch eine Öffnung nach unten gegangen bist, bist du unten – auch wenn dort eine sonnige Wiese ist. Der Zugang entscheidet, nicht das Bild.

  • Du bist nach unten gegangen und triffst ein Tier, das bleibt und antwortet – untere Welt.
  • Du bist auf gleicher Ebene losgegangen und erkennst deine Umgebung wieder – mittlere Welt.
  • Du bist nach oben gestiegen und durch eine spürbare Schwelle gegangen – obere Welt.
  • Du bist gar nicht losgegangen, sondern denkst über die Reise nach – dann bist du noch im Kopf. Das ist kein Scheitern, das ist der Normalfall bei den ersten Versuchen.

Und dann gibt es die Fälle, in denen du unterwegs die Ebene wechselst: Das Krafttier trägt dich plötzlich nach oben, oder ein Lehrer schickt dich nach unten. Das ist völlig in Ordnung. Die drei Welten sind ein Ordnungssystem für dich, keine Vorschrift für die Wesen, denen du begegnest. Wenn du wissen willst, wie so eine Reise Schritt für Schritt abläuft, findest du das in der Anleitung für die schamanische Reise.

Wähle nach der Frage, nicht nach dem Gefühl

Die häufigste Anfängerfrage ist: „In welche Welt soll ich gehen?“ Und die ehrlichste Antwort ist: Formuliere erst deine Frage, dann ergibt sich die Welt fast von selbst.

  1. Geht es um Kraft, Körper, Erschöpfung oder ein altes Thema? Untere Welt. Frag dein Krafttier.
  2. Geht es um Richtung, Sinn, eine große Entscheidung? Obere Welt. Frag deinen Lehrer.
  3. Geht es um einen konkreten Ort, einen Raum, eine Pflanze? Mittlere Welt – und nur mit Begleitung.
  4. Weißt du es nicht? Dann geh nach unten. Die untere Welt ist der sicherste Startpunkt und dein Krafttier kann dich weiterschicken, wenn nötig.

Ich merke bei mir selbst: Wenn ich unruhig bin, will ich nach oben, weil ich mir dort die große klärende Antwort verspreche. Meistens ist das ein Fehler. Unruhe ist ein Körperzustand, und Körperzustände gehören nach unten. Die obere Welt gibt einem in solchen Momenten gern etwas sehr Schönes und sehr Unbrauchbares mit.

Eine Reise, die ich nicht geplant hatte

Vor ein paar Jahren war ich in einer Phase, in der alles gleichzeitig anstand. Ich hatte eine klare Frage vorbereitet, eine dieser großen Wohin-geht-mein-Weg-Fragen, und bin entschlossen nach oben gereist. Baum, Krone, Schwelle, alles wie im Lehrbuch.

Oben stand jemand, hörte sich meine Frage an und sagte nur: „Du bist nicht müde von der Richtung. Du bist müde.“ Dann zeigte er nach unten.

Ich war ehrlich gesagt beleidigt. Ich hatte mich vorbereitet. Ich bin trotzdem gegangen, nach unten, und dort lag mein Krafttier einfach im Gras und rührte sich nicht. Wir haben nichts gemacht. Zwanzig Minuten lang. Als die Trommel zurückrief, war die große Frage nicht beantwortet – aber sie fühlte sich nicht mehr dringend an. Zwei Wochen später wusste ich die Antwort ganz nebenbei, beim Abwasch.

Seitdem misstraue ich meinem Drang nach oben, wenn ich erschöpft bin.

Wo dieses Bild an seine Grenze kommt

Zwei Dinge, die selten dazugesagt werden.

Erstens: Die Dreiteilung ist nicht überall gleich. Was hier als „untere Welt“ beschrieben wird, ist eine westlich gebündelte Fassung aus vielen Traditionen – stark geprägt vom Core-Shamanism, wie ihn Michael Harner in den 1980er Jahren zugänglich gemacht hat. In den lebenden Traditionen, aus denen die Bilder ursprünglich stammen, sind die Kosmologien oft feiner unterteilt, teilweise mit sieben oder neun Ebenen, und eng an konkrete Landschaften und Sprachen gebunden. Wenn du das Modell nutzt, ist es fair, das zu wissen.

Zweitens: Es ist ein Erfahrungsmodell, keine Diagnose. Schamanische Reisen sind keine Psychotherapie und ersetzen weder eine ärztliche Behandlung noch eine psychotherapeutische Begleitung. Wenn du mit einem Trauma, mit starken Ängsten, mit Dissoziation oder mit einer akuten psychischen Belastung lebst, ist die selbstständige Reisearbeit – besonders in der mittleren Welt – nicht der richtige Einstieg. Dann brauchst du erst einen sicheren Rahmen und fachliche Begleitung. Beides schließt sich nicht aus, aber die Reihenfolge zählt.

Häufige Fragen zu den drei Welten

Ist die untere Welt gefährlich?

Nein. Die untere Welt gilt in den meisten Traditionen als der freundlichste und sicherste der drei Räume – sie ist die Welt der Krafttiere und Verbündeten. Die Verwechslung mit „Unterwelt“ oder „Hölle“ ist eine christlich geprägte Fehldeutung. Unten heißt hier: bei den Wurzeln.

Kann ich in einer Reise zwischen den Welten wechseln?

Ja, das passiert regelmäßig. Ein Krafttier kann dich nach oben tragen, ein Lehrer dich nach unten schicken. Wichtig ist nur, dass du am Ende denselben Weg zurückgehst, den du gekommen bist – das schließt die Reise sauber ab.

Warum soll ich die mittlere Welt erst später bereisen?

Weil sie sich am wenigsten von deiner Alltagswahrnehmung unterscheidet und dadurch am leichtesten mit Erinnerung, Fantasie und Wunschdenken verschwimmt. Wer erst in unterer und oberer Welt Erfahrung gesammelt hat, unterscheidet in der Mitte deutlich klarer.

Was ist, wenn ich immer in derselben Welt lande?

Das ist normal und meist kein Fehler, sondern eine Zuständigkeit. Viele Menschen haben über Jahre eine „Hausebene“. Wenn du bewusst eine andere Welt brauchst, hilft ein deutlicherer Einstieg: eine andere Öffnung, ein anderes Bild, notfalls die Absicht laut aussprechen, bevor die Trommel beginnt.

Sind die drei Welten real oder nur innere Bilder?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort, und ehrliche Praktizierende geben auch keine. Traditionell werden sie als eigenständige Wirklichkeit verstanden. Aus westlicher Perspektive lassen sie sich als strukturierte Bewusstseinszustände beschreiben. Für die Praxis macht es weniger Unterschied, als man denkt – entscheidend ist, was sich danach in deinem Leben verändert.

Brauche ich für die Reise eine Trommel?

Hilfreich, aber nicht zwingend. Ein monotoner Rhythmus von etwa 4 bis 7 Schlägen pro Sekunde unterstützt den Bewusstseinswechsel. Eine Aufnahme über Kopfhörer funktioniert für den Anfang gut.

Wenn du nicht allein losgehen willst

Man kann die drei Welten aus Büchern lernen. Vieles versteht man aber erst, wenn jemand mitgeht, der den Weg kennt – vor allem, wenn es um Themen geht, die tiefer sitzen. In einer schamanischen Heilsitzung reise ich für dich, während du einfach nur daliegst. Dabei geht es meist in die untere Welt: dorthin, wo Kraft geholt und zurückgebracht wird.

Wenn du erst einmal weiterlesen möchtest: Wie es sich anfühlt, wenn Kraft fehlt und zurückgeholt wird, beschreibe ich unter Seelenrückholung. Und wie du die Wesen, denen du oben begegnest, überhaupt sinnvoll ansprichst, steht bei Geistführer kennenlernen.

Und jetzt du: In welcher Welt landest du am häufigsten, wenn du losgehst – und welche fühlt sich für dich bis heute fremd an? Schreib es gern in die Kommentare, ich lese mit.

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